kultur

wer isst was wann wo mit wem warum?

Mitarbeiter von eßkultur Berlin

Anja - Tütenkuchen

Anja hatte eine moderne Mutter! Zum Geburtstag gab es immer Tütenkuchen, das geht schnell mit stabilem Ergebnis.

Dass sich Freizeitbäcker/innen nicht vor dem Ergebnis ihrer eigenen Courage fürchten müssen, dazu trug 1845 der Bäcker Henry Jones aus Bristol bei. Wer beim Backen das Treibmittel falsch dosierte, konnte bis dahin sicher sein, dass der Geburtstagskuchen eine Enttäuschung wurde. Um dem abzuhelfen, fügte er dem Mehl das Backpulver schon bei.

Dieses "self-raising flour" fand zufriedene Kunden in England und den USA. Bald schon gab es nicht nur mit Treibmitteln versetztes Mehl, sondern viele verschiedene Backmischungen: Trockenzutaten wie Mehl, Zucker und Kakao wurden fertig gemischt, und zuhause mussten nur noch Milch, Eier oder Butter zugefügt werden: Ab in den Ofen und fertig ist Ginger Cake oder Marmorkuchen – je nachdem an welcher Stelle der Welt man Tütenkuchen bäckt.

Als der Umsatz in USA stagnierte, sollten japanische Hausfrauen von den Vorzügen der Backmischungen überzeugt werden. Nur: Dort gibt es kaum Backöfen, sondern Reiskocher. Aber die speziell dafür gefertigten Backmischungen machten die japanischen Hausfrauen verrückt. Denn was tun mit dem Reis, der doch im Reiskocher bleiben musste, bis nach dem Reisfrühstück die Zeit zum Mittagessen gekommen war? So blieb der Absatz der Backmischungen gering, und japanische Geburtstagskuchen wurden sonstwo gekauft.

Anja hatte es besser: Sie bekam von ihrer modernen Mutter jedes Jahr einen Geburtstagskuchen: seit 1972 eine Backmischung mit Kerzen. Anja hatte eine glückliche Kindheit.